
Und ich denke mir - muss das sein? Vielleicht ist das Ende eines Hörbuchs noch viel unerbittlicher als das eines echten Buchs, denn da sieht man wenigsten vorher, dass es endet. Da blättert man die letzte Seite selbst um, muss schlucken und liest zu Ende. Aber bei "Kartoffelkäferzeiten"? Da hat mir keiner gesagt, dass Andreas Fröhlich plötzlich aufhört zu lesen.
"Kartoffelkäferzeiten" von Paul Maar vergehen langsam. Als der Jugendroman begann, der als CD in meinem Spieler lag, steckt Johanna noch im Bett und zählt die Atemzüge. Sie weiß auch so, wie viele Schritte Oma Mariechen bis zum Schweinestall braucht.
In der Gastwirtschaft "Zum Elefanten" rollt Oma Mariechen die Bierfässer hinauf, überhaupt, Oma Mariechen braucht keinen Mann im Haus - den gibt es schon länger nicht mehr bei Johanna zu Hause, wo sie mit Oma Mariechen, Tante Fanni und ihrer Mutter lebt.
Ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, mitten auf dem Land bei Schweinfurt. Johanna ist nicht mehr richtig Kind und nicht mal richtig jugendlich
(überhaupt nicht, findet Oma Mariechen). Sie geht zur Volksschule, langweilt sich im Winter, streitet sich mit ihrer Freundin Erna und ist nicht gewöhnt, dass die Dinge sich verändern.
Doch die Veränderungen schleichen sich ein bis in das kleine Dorf Hassfurt, wo der rote Baron Kindern Rätsel aufgibt, wo die dolle Koni ihre Hunde auf jeden jagt, der ihrem Hof zu nahe kommt. Wo man nach dem Krieg mit Lebensmittelmarken bezahlt und zum Frühstück Kartoffeln in Milch aufkocht.
Auch wenn Johanna oft an ihren Vater denkt, der immer noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt ist, lebt sie nicht in „den harten Zeiten nach dem Krieg". Sie drückt ihre Spuren mal nachdenklich, mal leichtfüßig in die Zeit, die heute "früher" heißt und so gar nicht schön gewesen sein kann.
In Plastiktüten voller Geldscheine wird die Inflation durchs Dorf getragen, geliebte Schweine werden geschlachtet und die über Winter einquartierte Oma Elsbeth mit steifem Bein wird aus der Küche vertrieben...
Zwischen strenger Oma Mariechen, besserwisserischer Oma Elsbeth und eifersüchtiger Freundin Erna findet Johanna ihre eigenen Blickwinkel, behauptet sich leise im Gewirr von Meinungen, Stimmen und Augenpaaren, die im Dorf nie schlafen. Auch wenn Oma Mariechen ihr beim Unkraut jäten verbietet "diesen Immanuel" zu treffen, seine Mutter ist schließlich verpönt in Hassfurt, wo sie doch einen amerikanischen Freund hat und ihr einziger Sohn auch noch unehelich ist. Auch wenn Johannas Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrt und nach und nach Oma Mariechen den Rang abläuft und Johanna die Ausbildung ausreden will. Auch dann gibt es Menschen, die Johanna Flausen in den Kopf setzen.![]()
Zum Beispiel der Rote Baron oder Tante Fanni, die Seife bei der berüchtigten Verena kauft und später mit einem Amerikaner in die Staaten geht.
Solange Johanna in der Gastwirtschaft helfen muss, kann sie leise ihre Träume spinnen von einer Zukunft, die nicht so sehr passt zu der Enkelin der strengen Oma Mariechen. Weg aus Hassfurt... vielleicht nach Amerika? Das muss noch keiner wissen, außer...
Paul Maar erzählt nicht von schlechten Zeiten und nicht von Nachkriegsromantik. Vielleicht schreibt er am ehesten von Johanna und den Macken des Dorfes, den winzigen Eigenarten der Einwohner und den Eigenarten der Zeit. Und vielleicht davon, dass eine Jugendliche in ihrer Entwicklung damals genauso ihre Träume gesät hat, wie sie es heute tun würde.
"Kartoffelkäferzeiten", eine Geschichte vom Davonfliegen und vom Unkrautjäten. Von Amerika im Postkasten und Dorfdynastien.
Katharina Mevissen
Paul Maar: Kartoffelkäferzeiten. Oetinger Audio 2007. 19,95 €, 4 CDs (274 Min.).

von Paul Maar | ab 12 Jahren
Der Traum von Freiheit. Ein kleiner Ort in Mainfranken, kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Die Erwachsenen sprechen von "schlimmen Zeiten", aber für Johanna und ihre Freunde sind Kohlenknappheit, Eichelkaffee und Magermilch genauso normal wie die regelmäßig auftretenden Kartoffelkäfer- und Mäuseplagen.











